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Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht man nicht Probleme oder Missstände, sondern Hausaufgaben. Anfangs habe ich in Aachen einfach an verschiedenen Müllsammelaktionen mitgemacht und dann haben wir das SEK Müll, kurz für Studentisches Einsatzkommando Müll, gegründet. Wir organisieren Workshops, zusammen mit Aachen Unverpackt: Wie kann man Toilettenreiniger oder Spülmaschinentabs selbst machen? Wie macht man Waschmittel aus Efeu? Wobei, ich selbst bin zuhause von Efeu auf Kastanien umgestiegen. Die Wirkstoffe sind die gleichen, Saponine, aber Kastanien haben den Vorteil, dass man sie auf einmal sammeln kann, während man den Efeu für jeden Waschgang neu pflücken muss. Im Herbst legte ich eine grosse Menge Kastanien zum Trocknen auf die Heizung und den Küchentisch. Das sah total lustig aus, meine WG-Mitbewohner haben gefragt: kommen die auch mal wieder weg? Wir sind auch aktiv an Schulen, sammeln mit Kindern Müll oder bemalen Einkaufsbeutel aus Baumwolle. Dort ist mir nochmals bewusst geworden, wie wichtig Bildungsarbeit ist. So viel geht über Gewohnheiten, darüber, was man von klein auf gelernt hat. Als Austauschstudentin an der ETH wohnte ich mit Studentïnnen aus der ganzen Welt zusammen. Einige waren skeptisch, als ich vorschlug, Biomüll getrennt zu sammeln, aber dann haben es doch alle gut angenommen. Aber Karton zu Bündeln schnüren war auch für mich als fast fertig studierte «Recyclerin» neu.

An meiner Heimuni in Aachen wollten wir nicht nur etwas für Klimagerechtigkeit, sondern alle Dimensionen von Nachhaltigkeit unternehmen und haben die Green Office Initiative gestartet. Die Idee ist, dass Studentïnnen und Angestellte der Hochschule einfacher zusammenarbeiten können. Gerade Studentïnnen haben neue Ansätze, sind kreativ, zum Beispiel in der Kommunikation. Wir möchten einen Ort, der für alle zugänglich ist, wo man mit einer Idee hingehen kann und sofort mit der richtigen Person in Kontakt kommt. In Konstanz entstand das erste Green Office Deutschlands, in Aachen arbeiten wir noch daran.

So war ich bereits in drei Initiativen aktiv, die Müllsammelaktionen, die Workshops und die Green Office Initiative. Das war alles ein grosser Organisationsaufwand, Kommunikation, Räume, Administration. Wir haben deshalb den Verein PAN – Plattform Aachener Nachhaltigkeit e. V. gegründet, der den einzelnen Initiativen die bürokratische Last abnimmt, vernetzt und Synergien entstehen lässt. An der Gründungsversammlung wurde ich zur Vorsitzenden gewählt. Da habe ich mich zuerst schon gefragt: Vorsitzende, ich war ja noch nie in einem Vorstand? Aber es war super spannend.

Von all meinen Engagements ist mir der Einsatz an der Hochschule am wichtigsten. An der eigenen Arbeitsstelle hat man den grössten Hebel. Und mein jetziger Job ist eben das Studium. Hier habe ich eine Stimme und kann etwas bewegen, wenn ich Ideen gut formuliere. Als Studentïnnen sind wir noch nicht so in den Strukturen drin, wir können noch die Perspektive von aussen einnehmen.

Schon letztes Jahr bin ich mit Mitstreitern aus der Green Office Initiative zur Nachhaltigkeitswoche in Zürich gereist, um uns inspirieren zu lassen und von unseren Peers zu lernen. Ich habe gesehen, dass an der ETH viel zu Nachhaltigkeit passiert, und deshalb kam ich 2020 als Austauschstudentin hierher. Ich möchte in der Hochschulpolitik etwas bewegen und organisiere deshalb an der Nachhaltigkeitswoche das Hochschulpodium. Wir haben an allen Hochschulen Fragen gesammelt, die wir den Rektorïnnen der fünf Zürcher Hochschulen und der Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation stellen. Vor dem Podium bringen wir ihnen persönlich eine Handreichung vorbei, darüber, was sich aus unserer Sicht an ihren Hochschulen in Sachen Nachhaltigkeit in diesem Jahr getan hat und was noch nicht.

Ich bin gespannt, ob sich irgendwann in zehn, zwanzig, dreissig, fünfzig Jahren eine Art Resignation einstellt, weil sich Strukturen nicht verändern lassen. Aber das glaube ich nicht. Gerade die Nachhaltigkeitswoche zeigt das. Sie findet jetzt schon zum neunten Mal statt, es ist unglaublich, wie schnell sie gewachsen ist. Es ist für mich eine Ehre, davon ein Teil zu sein. Ich profitiere von einem grossen Vertrauensvorschuss, es war besonders als deutsche Austauschstudentin schön, von allen Hochschulen so offene Antworten und Unterstützung zu bekommen. Ohne das Engagement der vorherigen Generationen wäre das nicht möglich gewesen.

Natürlich ist es viel Arbeit und nach einer Nachtschicht fühle ich mich nicht nur gut, aber ich mach es gerne, habe so viele coole Menschen kennengelernt und dank der Kontakte sogar meine neue WG gefunden. Früher war ich ein schüchterner Mensch, jetzt übergebe ich Ideen an Rektorïnnen, da hätte ich mich vor vier Jahren nicht gesehen. Einfach mal machen, ausprobieren, im schlimmsten Fall fällt man auf die Nase, steht auf und geht weiter.

Vom 8.-13. März organisieren Studentïnnen von fünf Zürcher Hochschulen die Nachhaltigkeitswoche – ein kostenloses Programm mit Events, Workshops und Diskussionen. Stories for Future erzählte eine Woche lang Geschichten von Menschen aus diesem Umfeld.

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Die meisten Geschichten entwickeln sich in einem Gespräch und wir schreiben sie auf. Manche Geschichten werden uns zugeschickt, auf Einladung oder spontan. Bislang haben wir die Geschichten nicht systematisch gesucht – sie ergeben sich durch spontane Kontakte, Empfehlungen und Zufälle.

Die Geschichten widerspiegeln nicht immer unsere Meinung; und die Geschichtenerzählerïnnen sind wohl auch nicht immer einer Meinung.

Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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