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In Zürich fand eine Pflanzaktion auf Baumrabatten statt. Die Anwohner wurden eingeladen, unasphaltierte Flächen rund um 25 Strassenbäume zu adoptieren und bepflanzen. Wir wollten wissen, was die Leute antreibt!

Ich bin Mitinhaber des Restaurant Josef. In normalen Zeiten stehen hier unsere Tische und Stühle auf dem Trottoir und ich bin ständig unterwegs von drinnen nach draussen und wieder zurück, beladen mit vollen Tabletts. Unsere Gäste sind Teil des Lebens dieser Strasse. Wir wollten ihnen, und natürlich auch uns selber, ein paar hübsche Ansichten bieten zwischen all den parkierten Autos, Töffs und Velos. Darum haben wir schon vor vier Jahren diese beiden Rabatten bepflanzt. Im Rahmen der Baumrabatten-Aktion der Stadt haben wir jetzt noch eine dritte übernommen. Es ist ja lustig: Nach Jahren von fast guerillamässiger Bepflanzung, von der Stadt immerhin geduldet, ist plötzlich alles ganz legal und wird sogar mit Beratung, Pflanzensetzlingen und anderem Material unterstützt.

Wegen dem Lockdown arbeite ich fast nur im Büro anstatt im Restaurant bei den Gästen. Hier draussen zu gärtnern ist mir allemal lieber, man ist wenigstens ein bisschen unter Menschen. Und es bewirkt auch effektiv etwas. Man sieht gut, dass sich in den seit vier Jahren bepflanzten Rabatten mehr Tierchen aufhalten. Letztes Jahr konnten wir sogar Libellen beobachten. Jetzt habe ich das neue Beet vorbereitet, habe den Müll herausgepickt und gejätet. Diesen prächtigen Löwenzahn lasse ich stehen, der ist doch grossartig, so saftig grün und leuchtend gelb. Es ist ja eine Definitionsfrage, was Unkraut ist und was erwünscht. Unsere Gäste haben jedenfalls Freude an den bunten Blumenbeeten, egal, welches Label die einzelnen Blumen haben. Jetzt hole ich noch die Setzlinge drüben beim Gärtner und los geht’s mit der Bepflanzung. Dann den Kies am Rand ausbringen und schliesslich noch das Seil rundherum wickeln, das schützt ein bisschen vor Trittschäden und davor, dass die Velos mitten im Beet parkiert werden. Was man den Passanten hier auch noch beibringen sollte: dass sie nicht ihre Zigaretten ins Beet schmeissen. Auf der Strasse oder dem Trottoir könnte man den Dreck wenigstens viel leichter wegputzen. Vielleicht stelle ich dann ein Stummel-wegwerfen-verboten-Schild auf oder ich montiere einen Aschenbecher mit einem riesigen Pfeil auf dem Eckpfosten.

Diese beiden Männer, die vorhin vorbeigeschaut haben, sind Stammgäste. Ihnen haben unsere Beetli schon immer gefallen und jetzt überlegen sie sich, ob sie auch noch eine Fläche adoptieren können.

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Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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